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Category:Blog DEUTSCH

Maskenball der Klänge

Überall im Alltag werden Klänge in unserer Umgebung mal willentlich, mal auf natürliche Weise gefördert oder übertönt, maskiert. Dabei werden Sounds von anderen Sounds übertönt oder ausgelöscht.

Z.B. übertönen laute Töne leise Töne und tiefe Töne übertönen hohe Töne. Sehr vereinfacht dargestellt müssen nämlich Tiefe Töne die gesamte Höhrschnecke (die mit kleinsten Haarsinneszellen gefüllt ist) im Innenohr entlang wandern, um an deren Ende diese Haarsinneszellen zu treffen und anzuregen. Hohe Töne treffen schon am Anfang der Schnecke auf ihre entsprechenden Haarsinneszellen. Die Haarsinneszellen geben dann den Impuls weiter an die Hörnerven. Kommt also ein tiefer Ton einem hohen in die Quere, steigt im Ohr die Hörschwelle für diesen hohen Ton, d.h. wir können ihn nicht mehr gut wahrnehmen, sondern nehmen dafür verstärkt den tiefen Ton wahr.

Auch Rauschen oder leise unaufdringliche Musik können ein gutes Mittel sein, um ungewünschte Klänge zu maskieren. Rauschen kann in grossen Räumen eingesetzt werden, um Privatsphäre herzustellen, weil dadurch Gesprächsgeräusche von z.B. Mitarbeitern übertönt werden. In Supermärkten läuft immer Musik, so dass wir das Gefühl haben, privat und unbeobachtet zu sein, was unser Einkauferlebnis erst erträglich macht. Ohne Musik würden wir uns schnell beobachtet fühlen, was sich negativ auf unser Kaufverhalten auswirkt.

Technisch wird Sound ebenfalls maskiert. Mp3 beispielsweise filtert alle Frequenzen, die unser Ohr nicht braucht um ein Musikstück zu erkennen, aus dem Spektrum der Musik heraus. Wenn Musik in einem hochwertigen Studio mit echten Instrumenten aufgenommen wird, entsteht zunächst eine unglaublich reiches Klangspektrum. Dateien, die das gesamte Klangspektrum beinhalten, können wir nicht streamen. Zu grosse Datenmenge. Also filtert Mp3 alle Frequenzen, die das menschliche Ohr nicht braucht, aus dem Spektrum heraus und lässt nur die Frequenzen übrig, die unser Ohr zum Entschlüsseln des Klangs als Musik benötigt. Der Rest wird nicht codiert, also weggeschmissen. Dadurch entstehen kleine Dateiformate, aber auch abgespeckte Klangfülle. Vielleicht war die Vinylplatte ja tatsächlich der beste Datenträger für Sound bis Dato.

 

Foto von Lyza

Warum wir die Musik mögen, die wir mögen.

In westlicher Musik kennen wir Dissonanz und Konsonanz. Manche Intervalle klingen für unser Ohr harmonischer als andere, z.B. klingt eine Quint homogener als der Tritonus, der sogar von der Kirche lange Zeit als das Intervall des Teufels bekannt und verboten war. Stellt sich die Frage, ob diese Vorliebe für konsonante Klänge in unserem Gehirn von Geburt an eingeschrieben ist oder nicht.

Jahrhunderte lang schon gibt es zwei verschiedene Meinungen zu diesem Thema. Das eine Lager geht davon aus, dass unser Gehirn angeboren auf konsonante Zusammenklänge angenehmer reagiert, während das andere Lager die Meinung vertritt, dass derartige Vorlieben kulturell bedingt und damit anerzogen sind.
Schwer zu beurteilen, welche Meinung richtig ist und auch schwer zu testen, da westliche Musik überall auf der Welt gehört wird, und damit fast alle Menschen der Welt die in westlicher Musik enthaltenen konsonanten Klänge gewohnt sind.

2010 haben der Neurowissenschaftler Josh McDermott (Massachusetts Institute of Technology) und der Anthropologe Ricardo Godoy (Brandeis University) ein Hörexperiment versucht, in welchem eine Anzahl Teilnehmer eines Amazonasvolks namens Tsimane, die nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu westlicher Kultur und Musik haben, ihre Vorlieben für Dissonanz und Konsonanz bewerten sollten.

Der gleiche Test wurde mit einer Gruppe bolivianischer Einwohner, die nicht weit von den Tsimane leben und einer Gruppe aus Amerika, zusammengesetzt aus Musikern und Nicht-Musikern, gemacht.

Das Ergebnis war, dass das Naturvolk der Tsiname dissonante und konsonante Klänge als gleichwertig betrachtete, also keine Vorlieben hatte, und die Gruppe aus Bolivien nur geringe Präferenzen zeigte. Die amerikanischen Teilnehmer jedoch hatten deutliche Vorlieben für konsonante Klänge. Diese waren bei den Musikern zudem stärker als bei den Nicht-Musikern.

Andere ebenfalls in dem Test enthaltene nicht-musikalische Klänge wie z.B. Gelächter wurden von allen Gruppen gleich bewertet.

Laut Josh McDermott lässt sich daraus schliessen, dass die Vorliebe für konsonante Klänge gegenüber Dissonanz davon abhängt, wielviel Kontakt die Menschen mit der westlichen Kultur und Musik haben.

Wie Sicherheit klingt und warum Stille Stress erzeugt

Die Hauptaufgabe unserer Sinne ist es, uns Informationen über unsere Umgebung zu geben, nach welchen wir dann unser Verhalten entsprechend anpassen können. Einige Formen von Information sind dabei wichtiger als andere.

Sehen und Hören sind die zwei bedeutendsten Sinne wenn es darum geht, Informationen bezüglich unserer Sicherheit aus der Umgebung zu erhalten. Und vergleicht man die Beiden stellt man fest, dass Hören an erster Stelle steht, denn unser Gehör kann/ist …

1. …360° unserer Umgebung wahrnehmen.
2. …ungehindert wahrnehmen, auch wenn die Sicht versperrt ist.
3. …Geräusche in weiter Entfernung wahrnehmen (z.B. Flugzeuge, die in über 10km Höhe fliegen)
4. …Sound neurologisch schneller verarbeiten.
5. …ohne Umwege unsere Aufmerksamkeit und Emotionen erregen.
6. …selbt im Schlaf noch aktiv.

Sound ist also die primäre Informationsquelle über unsere Umgebung und das menschliche Erleben von Sound bestimmt die Art, wie wir mit der Welt und auch miteinander interagieren.

Frühere Studien haben bereits bestätigt, dass uns Soundeigenschaften wie Tempo, Rhythmus, Tonhöhe und Intensität Informationen aus der Umgebung liefern können, die uns mitteilen, ob wir in Gefahr sind oder nicht.

Die Frage, die sich Wissenschaftler der Universitäten Chemnitz, Ohio State University und der Louisiana State University gestellt haben ist, ob

a. es eine bestimmte optimale Klangdichte (Menge an Klanginformation, die auf unser Ohr trifft) gibt, in der wir Informationen zur Sicherhet unserer Umgebung am besten verarbeiten können
b. Musik in uns ein Gefühl von Sicherheit erzeugen kann.

Im ersten Teil der Studie wurden Teilnehmern Rhythmen verschiedener Komplexität vorgespielt, um zu ermitteln, ob es einen optimalen Bereich an Klangdichte gibt, in welchem wir akustische Informationen aus der Umgebung stressfrei verarbeiten können. Man ging davon aus, dass jede Abweichung von diesem optimalen Bereich auch eine Abweichung im Stress- und Gefahrempfinden hervorrufen müsste.

Das Ergebnis der Studie spiegelt die Annahme jedoch nur teilweise wider. Tatsächlich ließ sich ein optimaler Bereich an Klangdichte definieren, in welchem die Teilnehmer Klanginformation ohne das Gefühl von Stress verarbeiten konnten.

Auf der anderen Seite widerspricht das Ergebnis der Annahme, dass jede Veränderung Stress erzeugen würde. Tatsächlich stieg das Gefühl von Stress und Gefahr der Teilnehmer nur bei steigendem Tempo und komplexeren Rhythmen, jedoch wich im Gegenzug dazu das Stressempfinden bei langsameren Tempi nicht wesentlich von dem im optimalen Bereich ab.

D.h. Übersteigt die hörbare Klangdichte unserer Umgebung unseren akustischen Wohlfühlbereich, fühlen wir uns in dieser Umgebung nicht mehr sicher.

In einem zweiten Versuch sollten die Teilnehmer ihr Stress- und Gefahrempfinden im Erleben verschiedener akustischer Klangwelten (Musik, Natursounds, Stille) bewerten.
Es wurde ihnen Musik sowohl instrumental (ohne Singstimme) als auch acapella (nur Singstimme ohne Begleitinstrumente) vorgespielt in der Annahme, dass die Singstimme den größten positiven Einfluss auf unseren Stresslevel habe (schliesslich haben unsere Urahnen zunächst nur gesungen, als es noch keine Instrumente gab). Die Natursounds bestanden aus Aufnahmen der Savanne Afrikas und Stille wurde als White Noise vorgespielt (vollkommene Stille gibt es in natürlichen akustischen Umgebungen nicht).

Im Ergebnis fanden die Telnehmer Musik am beruhigendsten während Natursounds und Stille keine positiven Auswirkungen auf den Stresslevel hatten und sich im Empfinden auch kaum voneinander unterschieden. Innerhalb des Musikerlebens wurde beim Hören der Instrumentalmusik Stress und Gefahrenempfinden viel stärker abgebaut als beim Hören der Acapellamusik.

Das Ergebnis ist also, dass weder Stille noch Naturgeräusche den optimalen akustischen Rahmen darstellen, um uns Sicherheit zu suggerieren und Stress abzubauen. Mit Musik hingegen gelingt uns das hervorragend. Wir nehmen Musik als Indikator dafür, ob wir uns in sicherer Umgebung befinden oder nicht.

Ein Erklärungsversuch dafür ist, dass unsere Vorfahren in Urzeiten nur dann Musik machen konnten wenn sichergestellt war, dass durch den dadurch erzeugten hohen Geräuschpegel keine Raubtiere oder andere Gefahrenquellen auf sie aufmerksam gemacht wurden, sie also in Sicherheit waren.

 

Studie im Original
Front. Psychol., 05 August 2015 | https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.01140

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